Aus-? oder Bildung

Ist der Mensch ein Ding, das vermessen werden kann? Oder ist es vermessen, den Menschen wie ein Ding anzusehen und zu behandeln?

Wie fühlt sich ein Mensch, der so angesehen und behandelt wird, wie reagiert er darauf? Wozu führt es schließlich, wenn man ihn wie ein Ding behandelt und den Wert nur auf der materiellen Ebene sieht, in Arbeitsleistung und Rendite?

Der Geist unserer ZeitDas sind nicht etwa nur philosophische Fragen, sondern Fragen, die sich auch der Kaufmann oder der ökonomisch denkende Mensch stellt, wenn er mit hausgemachten Insolvenzen großer Unternehmen oder mit dem nur mühsam verhinderten Zusammenbruch des internationalen Finanzsystems konfrontiert ist.

Tugend kommt etymologisch von Taugen; Tugenden sind Einstellungen und innere Haltungen, die etwas taugen – sowohl für den Einzelnen wie auch für die Gesellschaft als ganzer. Tugenden zu entwickeln, ist kein Gegenstand der Ausbildung von Managern oder Führungskräften in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft.

Zwischen Bildung und Ausbildung besteht eben ein Unterschied.

Bei der Ausbildung geht es um die Entwicklung von Fähigkeiten und Fertigkeiten (skills), die im Dienst einer bestimmten Arbeitsaufgabe erforderlich oder zur Bewältigung einer Lebenssituation notwendig sind.

Bildung hingegen ist ganzheitlich, daher ist sie im Kern immer Herzensbildung, wie der Volksmund sagt. Eine nur intellektuelle Bildung ist hohl. Bei Bildung geht es um die Verwirklichung des im Menschen angelegten Potentials, um Selbstverwirklichung:

„In jedem lebt ein Bild des, der er werden soll; solang er dies nicht ist, ist nicht sein Frieden voll,“ formuliert Angelus Silesius.

Bildung steht also nicht im Dienst einer Nutzanwendung, sie bezieht ihren Wert aus einer anderen Ebene als der materiellen. Im Tao Te King hat Lao Tse das wunderbar ausgedrückt:

Dreißig Speichen treffen die Nabe
Die Leere dazwischen macht das Rad.
Lehm formt der Töpfer zu Gefäßen
Die Leere darinnen macht das Gefäß.
Fenster und Türen bricht man in Mauern
Die Leere damitten macht die Behausung.
Das Sichtbare bildet die Form eines Werkes.
Das Nicht-Sichtbare macht seinen Wert aus.

Die einseitige Fixierung auf das Meßbare leugnet das Nicht-Sichtbare und blendet so all jene Aspekte des menschlichen Lebens aus, die sich der Meßbarkeit entziehen. Das Wesentliche, das eben nicht zu messen ist, entzieht sich dem verengten Bewußtsein, bleibt somit unbewußt. Tugenden, die stets der Entfaltung des Wesentlichen – des Unsichtbaren im Sichtbaren – gedient haben und auch heute dienen, werden dann als eine nicht mehr zeitgemäße und für den erfolgsorientierten Leistungsträger hinderliche Beschränkung angesehen.

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